Komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS): Wenn Trauma tiefer wirkt
In einem früheren Beitrag habe ich über die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) geschrieben. In diesem Artikel geht es um eine besondere und oft weniger bekannte Form davon: die komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS).
Im Unterschied zur klassischen PTBS entsteht eine kPTBS meist nicht durch ein einzelnes, klar abgrenzbares Ereignis. Vielmehr liegen ihr langandauernde oder wiederholte traumatische Erfahrungen zugrunde – häufig verursacht durch andere Menschen.
Dazu zählen unter anderem emotionale Misshandlung, körperliche oder sexuelle Gewalt, Krieg, Gefangenschaft oder schwere Vernachlässigung. Viele Betroffene machen diese Erfahrungen bereits in der Kindheit oder Jugend. Die kPTBS umfasst zwar die bekannten Symptome einer PTBS, geht in ihren Auswirkungen jedoch deutlich darüber hinaus. Sie betrifft nicht nur das Erinnern an das Trauma, sondern prägt oft das gesamte Erleben von sich selbst, von Beziehungen und vom eigenen Körper.
Gemeinsamkeiten von PTBS und kPTBS
Sowohl bei der PTBS als auch bei der komplexen PTBS finden sich drei zentrale Symptomgruppen:
Wiedererleben (Intrusionen)
Dazu gehören Flashbacks, Albträume oder ungewollt aufdrängende Erinnerungen an das traumatische Geschehen.
Vermeidung
Betroffene versuchen, alles zu meiden, was an das Trauma erinnert – Situationen, Orte, Gedanken oder Gefühle.
Übererregung (Hyperarousal)
Anhaltende innere Anspannung, Reizbarkeit, Schlafstörungen und eine erhöhte Schreckhaftigkeit sind typische Anzeichen.
Diese Symptome sind Ausdruck eines Nervensystems, das nach dem Trauma nicht mehr zuverlässig in einen Zustand von Sicherheit zurückfindet. Der Körper bleibt innerlich auf Gefahr eingestellt, auch dann, wenn die Bedrohung längst vorbei ist. Bei der komplexen PTBS entstehen diese Reaktionen jedoch nicht punktuell, sondern vor dem Hintergrund einer chronisch belastenden Lebenssituation. Entsprechend tiefgreifend sind ihre Folgen.
Zusätzliche Merkmale der komplexen PTBS
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt die kPTBS in der ICD-11 mit drei zusätzlichen Kernbereichen, die über die klassische PTBS hinausgehen:
Schwierigkeiten in der Emotionsregulation
Menschen mit kPTBS haben häufig große Mühe, ihre Gefühle zu steuern. Emotionen können sehr intensiv und überwältigend auftreten – etwa in Form von Wut, Angst oder tiefer Traurigkeit. Andere erleben das Gegenteil: emotionale Taubheit, innere Leere oder Erstarrung. Sich selbst zu beruhigen, nach Belastung wieder in einen ausgeglichenen Zustand zu finden und in einer positiven Verbindung mit sich und der Welt zu sein, fällt oft schwer.
Negatives Selbstbild
Viele Betroffene entwickeln ein dauerhaft negatives Bild von sich selbst. Scham- und Schuldgefühle sind häufig, ebenso das Gefühl, wertlos, beschädigt oder „nicht richtig“ zu sein. Dieses Selbstbild ist meist tief verankert und geht auf frühe Erfahrungen von Ohnmacht, Ausgeliefertsein oder fehlendem Schutz zurück. Unglücklicherweise wird das durch die wiederholte Erfahrung bestärkt, „nicht adäquat“ zu reagieren, z.B. aufgrund der Schwierigkeiten in der Emotionsregulation und in Beziehungen.
Beeinträchtigte Beziehungen
Vertrauen und Nähe können sich unsicher oder bedrohlich anfühlen. Manche Menschen ziehen sich stark zurück, andere erleben Beziehungen als instabil oder konflikthaft. Häufig zeigt sich ein Wechsel zwischen starkem Nähebedürfnis und ebenso starkem Rückzugsdrang. Diese Muster sind oft Ausdruck früher Beziehungserfahrungen, in denen Sicherheit, Verlässlichkeit oder emotionale Resonanz fehlten.
Unterschied zwischen klassischer PTBS und komplexer PTBS
Die komplexe PTBS ist eng mit Situationen verbunden, in denen Betroffene über längere Zeit keine Möglichkeit hatten zu fliehen oder sich zu schützen. Beispiele sind anhaltende Gewalt in der Kindheit, häusliche Gewalt, Folter, Krieg oder Gefangenschaft.
Eine klassische PTBS tritt häufiger nach einem einzelnen traumatischen Ereignis auf, etwa nach einem Unfall, einem Überfall oder einer Naturkatastrophe. Die damit einhergehenden Schwierigkeiten sind meistens an bestimmte Lebensbereiche gebunden. Bei der kPTBS hingegen sind oft viele Lebensbereiche betroffen, da das gesamte Leben der Betroffenen von traumatischen Ereignissen durchzogen war oder ist.
Aus körper- und traumatherapeutischer Sicht steht bei der kPTBS weniger das einzelne Ereignis im Vordergrund als vielmehr die chronische Aktivierung von Überlebensreaktionen. Der Organismus bleibt in Zuständen von Kampf, Flucht, Erstarrung oder Anpassung gebunden. Gerade Erstarrung, emotionale Taubheit oder starke Überanpassung sind bei komplexer Traumatisierung häufig, auch wenn sie weniger offensichtlich sind als klassische Stresssymptome.
Grenzen der Diagnosekriterien
Dass die Folgen langandauernder Traumatisierung heute klarer benannt werden, ist ein wichtiger Fortschritt. Gleichzeitig sind die aktuellen Diagnosekriterien der kPTBS stark am Modell der klassischen PTBS orientiert. Sie können hilfreich sein, greifen jedoch bei vielen Betroffenen zu kurz.
Die bekannte Traumatrias aus Wiedererleben, Vermeidung und Übererregung ist bei komplexen Traumafolgen nicht immer klar ausgeprägt oder steht nicht im Vordergrund. Häufig dominieren vielmehr die Zusatzkriterien: Probleme in der Emotionsregulation, negatives Selbstbild und anhaltende Beziehungsschwierigkeiten. Viele Betroffene erkennen sich deshalb in den gängigen Beschreibungen nicht ausreichend wieder oder werden möglicherweise sogar aufgrund der „fehlenden“ Traumatrias nicht als kPTBS-Betroffene erkannt.
Ein wichtiger Gedanke zum Schluss
Allen Menschen mit komplexen Traumafolgen möchte ich eines besonders mitgeben: Nimm dich selbst ernst.
Du musst keine formalen Diagnosekriterien vollständig erfüllen, um Unterstützung in Anspruch nehmen zu dürfen. Komplexe Traumatisierungen entstehen oft schleichend und ihre Verarbeitung braucht Zeit, Sicherheit und passende Begleitung. Je schneller du dir Hilfe suchst, desto besser!
Der Weg ist meist länger als bei einer klassischen PTBS. Doch auch tiefgreifende und langandauernde Traumata können integriert werden und an Zerstörungskraft verlieren.
Quellen / good to read:
Psylife.de Magazin mit einer Einschätzung von Luise Reddemann zu den aktuellen Diagnosekriterien. Luise Reddemann ist eine herausragende Traumatherapeutin, die insbesondere durch ihre imaginativen Techniken sehr viel zu heutiger Traumatherapie beigetragen hat.
https://my.clevelandclinic.org/health/diseases/24881-cptsd-complex-ptsd (englisch)
https://de.wikipedia.org/wiki/Komplexe_posttraumatische_Belastungsst%C3%B6rung
Bessel Van der Kolk: Verkörperter Schrecken (Original: The Body Keeps The Score)
