Zwischen Erleichterung und Etikett – Über die Wirkung von Diagnosen auf Selbstbild und Selbstverständnis
Diagnosen sind in der Psychotherapie, Psychiatrie und psychosomatischen Medizin allgegenwärtig. Sie schaffen Ordnung in einer komplexen Welt innerer Zustände, sie ermöglichen Austausch, Orientierung und Zugang zu Hilfe. Gleichzeitig können sie das Selbstverständnis eines Menschen tiefgreifend verändern – manchmal entlastend, manchmal einengend.
In meiner körpertherapeutischen Arbeit begegne ich natürlich zahlreichen Menschen, die entweder eine Diagnose erhalten haben oder sich selbst mit einer möglichen Erklärung für ihr Erleben identifizieren. Dabei steht weniger die Diagnose selbst im Mittelpunkt, sondern die Frage: Wie wirkt sie sich auf das Erleben, den Körper und das Selbstbild aus?
Warum Diagnosen hilfreich sein können
1. Erleichterung und Verstehen
Eine Diagnose kann wie ein Schlüssel wirken. Sie eröffnet neue Perspektiven, ordnet Erfahrungen und schafft oft ein Gefühl von Sinnhaftigkeit.
Ein Beispiel:
Eine Klientin, die ihr Leben lang unter innerer Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten und impulsivem Verhalten gelitten hat, erhält erst als Erwachsene die Diagnose ADHS. Plötzlich ergeben viele Probleme in ihrem Leben Sinn: die ständige innere Getriebenheit, die Schwierigkeiten, Aufgaben zu Ende zu bringen, Konzentrationsschwierigkeiten oder der Kampf darum, still sitzen und aufmerksam zuhören zu können – egal ob in der Ausbildung, Arbeitssituationen oder im Gespräch mit Freunden.
Die Diagnose wirkt wie ein Rahmen, in dem sie sich selbst besser verstehen kann. Was ihr im Verlauf des Lebens oft als „Schwäche“ oder „Mangel an Disziplin“ angelastet worden war, bekam plötzlich einen Namen und einen biologischen Grund und wurde so zu einer Eigenschaft, die nicht nur negative, sondern auch positive Seiten hat. Solche Momente der Erkenntnis können sehr entlastend sein.
2. Zugang zu Hilfe und Sprache
Eine formale Diagnose ist klar greifbar und sie wird vom Umfeld wie auch von Fachpersonen ernster genommen als isoliert berichtete Schwierigkeiten. Dadurch wird der Zugang zu therapeutischer Unterstützung einfacher, das soziale Umfeld akzeptiert Eigenheiten der Betroffenen eher und häufig hilft die Auseinandersetzung mit der Diagnose auch dabei, passende Worte für das eigene Erleben zu finden.
Manchmal enthüllen die Symptome, die ein Mensch hat, nicht unmittelbar das Problem dahinter. Hinter ständiger Anspannung, Schwindel und Schlafproblemen könnte sich beispielsweise eine generalisierte Angststörung verbergen; hinter ständiger Aktivität und grossen Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen oder zu schlafen, eine Depression. Durch eine Diagnose erhalten Betroffene ein klareres Bild von sich selbst.
Sie können gezielt nach fundierten Informationen und passender therapeutischer Unterstützung suchen. Der Austausch mit Gleichgesinnten – etwa in einer Selbsthilfegruppe – erweist sich dabei häufig als besonders wertvoll. Dort erleben sie, dass sie nicht allein mit ihren (auch ungewöhnlich erscheinenden) Symptomen sind, und erhalten praktische Tipps für den Alltag, die ihnen helfen, mit den Herausforderungen besser umzugehen.
Eine Diagnose kann also entlasten, wenn sie als Erklärung und nicht als Urteil verstanden wird. Wer weiß, was er oder sie erlebt, kann besser damit umgehen. Die Benennung eines Problems kann die Selbstwirksamkeit steigern und Schamgefühle reduzieren.
Diagnosen geben Orientierung, und das ist sehr wichtig. Sie sollten aber keine endgültigen Etiketten sein. So hilfreich eine Diagnose sein kann, sie ist immer eine Vereinfachung. Kein Mensch IST seine Diagnose.
Wenn Diagnosen zur Begrenzung werden
1. Die Gefahr der Identifikation
Manchmal wird die Diagnose zu einem festen Teil des Selbstbildes. „Ich bin Borderline“ oder „ich bin depressiv“ ist dann nicht mehr nur eine Beschreibung des Zustandes, sondern wird zur Definition der eigenen Persönlichkeit. Das engt den Blickwinkel auf sich selbst und mögliche Handlungsspielräume massiv ein. Menschen, die ihre Diagnose als unveränderlich erleben, sehen auch weniger Hoffnung auf Besserung in ihrem Leben und verlieren dadurch die Motivation, etwas gegen die Schwierigkeiten, die sie erfahren, zu unternehmen.
2. Stigmatisierung
Diagnosen können entlasten, aber sie können auch stigmatisieren. Besonders im psychosomatischen Bereich ist das spürbar. „Die hat ja gar nichts“ ist eine Grundhaltung, die leider bei psychosomatischen (und teils auch psychischen) Erkrankungen immer noch in unserer Gesellschaft vertreten wird, ob stillschweigend oder laut ausgesprochen. Da bei psychosomatischen Erkrankungen organisch nichts gefunden wird, aber trotzdem Symptome vorhanden sind, die sehr belastend sein können, kann diese Haltung sehr konkrete Konsequenzen im Leben der Betroffenen haben – bis hin zur Kürzung von Krankentaggeldern und damit einhergehender existenzieller Bedrohung.
Eine Klientin von mir erfuhr dies auf bittere Weise am eigenen Leib. Während sie über viele Monate hinweg nach den Gründen für ihre schwer einschränkenden Symptome suchte und kein Arzt, den sie konsultierte, etwas finden konnte, verlangte die Krankentaggeldversicherung ein Gutachten. Der Arzt, der das Gutachten ausstellte, sah sie für eine einzige Stunde und schrieb in das Gutachten, dass sie bis zum Datum XY wieder gesund sei. Darauf basierend verkündete die KTG die Einstellung der Zahlungen auf das genannte Datum. Eine Besserung zeichnete sich jedoch noch längstens nicht ab und die Klientin musste zusätzlich zur Erkrankung nun auch noch die Existenzängste ertragen.
3. Die Macht der Worte
Einmal ausgesprochen, kann eine Diagnose Gewicht bekommen. Worte formen Wirklichkeit – besonders, wenn sie mit Autorität ausgesprochen werden.
Beispiel:
Ein Mann erhält die Diagnose „Depression“. Als er nachfragt, wie seine Prognose aussieht, wird ihm mitgeteilt, dass Depressionen nicht heilbar sind, sondern ein Leben lang immer wieder auftreten können.
Diese Worte hallen nach. In den Wochen danach beschreibt der Mann, dass er sich zunehmend schwerer fühlt, als sei mit einem Satz all seine Hoffnung versiegt. Auch im Internet liest er Ähnliches: Depressionen verschwinden niemals ganz, Betroffene haben wiederholt damit zu kämpfen.
Was als fachliche Einschätzung gemeint war, wird für ihn zu einer inneren Überzeugung. Erst in der Therapie beginnt er zu hinterfragen, was „nicht heilbar“ in diesem Fall eigentlich bedeutet und dass trotzdem noch eine reale Chance auf ein erfülltes und glückliches Leben besteht.
Diagnosen als Legitimation – ein gesellschaftlicher Trend
Immer häufiger werden Diagnosen bewusst oder unbewusst als Entschuldigung dafür genutzt, bestimmten Ansprüchen nicht gerecht werden zu können. Im Berufsleben, in Beziehungen oder im Freundeskreis wird eine Diagnose manchmal zu einer Art Schutzschild: „Ich kann das nicht, weil ich … habe.“
Dieser Mechanismus ist nachvollziehbar, denn in unserer Leistungsgesellschaft, die Stärke und Funktionieren hoch bewertet, kann eine Diagnose dem Recht auf Pause, Rückzug oder Grenzen Gewicht verleihen. Gleichzeitig offenbart sich darin auch ein grosses gesellschaftliches Problem: Persönliche Grenzen werden oft nicht ernstgenommen und systematisch übergangen, insbesondere in der Arbeitswelt.
Besonders dramatisch zeigte sich diese Problematik bei einer Klientin, die erleben musste, dass nicht einmal die Krankschreibung ihres Hausarztes ausreichte, um ihr Fernbleiben von der Arbeit zu rechtfertigen. Der Chef drängte sie, trotz der 100%-Krankschreibung mindestens die Hälfte der Tage zur Arbeit zu kommen. Bei der Rückkehr fürchtete sie die Ächtung ihrer Kolleg:innen, weil sie die Genesungszeit zugunsten ihres Körpers wenigstens weitgehend eingefordert hatte.
Diese Praktiken sind glücklicherweise illegal. Das allerdings reicht offensichtlich immer noch nicht, um zu verhindern, dass Arbeitnehmende derartige Grenzüberschreitungen erfahren.
Menschliche Grenzen sollten niemals eine Diagnose brauchen, um respektiert zu werden.
Erschöpfung, Überforderung, Traurigkeit oder das Bedürfnis nach Rückzug sind Teil des Menschseins und nicht automatisch pathologisch. Wenn wir erst dann auf uns hören, wenn etwas einen Namen trägt, verlieren wir den direkten Zugang zum eigenen Empfinden
Aus körpertherapeutischer Sicht ist dieser Zugang essenziell. Es geht gerade darum, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen klar wahrnehmen und dadurch bessere Entscheidungen für sich selbst treffen zu können. Das aber ist nur möglich, wenn ich überhaupt bemerken darf, dass ich nicht mehr kann oder was ich brauche, ohne dass dies von aussen (oder innen!) als Schwächeerklärung gewertet wird.
Dieser Kontakt zu sich selbst kann sehr effizient verhindern, dass wir krank werden. Die grosse Zahl an Burnout-Fällen und weiteren Stresserkrankungen wäre vermeidbar, wenn wir statt der permanenten Fokussierung auf Leistung anfangen würden, uns selbst und gegenseitig ernster zu nehmen!
Selbstdiagnosen – Verstehen wollen oder sich verlieren?
In Zeiten sozialer Medien und leicht zugänglicher Informationen nehmen Selbstdiagnosen stark zu. Psychische Krankheitsbegriffe sind heute in vielen Lebensbereichen wie Podcasts, auf Social Media und im alltäglichen Sprachgebrauch deutlich präsenter als früher. Immer mehr Menschen identifizieren sich mit Diagnosen, ohne dass eine professionelle Abklärung erfolgt ist. Einerseits ist es gut, dass mehr über Erkrankungen und persönliches Leiden gesprochen wird, weil dadurch auch die immer noch existierenden Stigmata aufgebrochen werden. Auf der anderen Seite werden oft Bereiche des Lebens mit Begriffen aus der Psychiatrie umschrieben, obwohl sie zum völlig normalen Spektrum menschlicher Erfahrung gehören.
Chancen und Risiken
Selbstdiagnosen können der erste Schritt sein, sich ernst zu nehmen. Wer über Monate erschöpft oder ängstlich ist und sich fragt, ob das eine Depression oder Angststörung sein könnte, richtet die Aufmerksamkeit auf sich und das ist grundsätzlich wertvoll.
Aber die Selbstdiagnose nicht als Verdacht, sondern als gesichert festzulegen und nicht fachlich überprüfen zu lassen, führt oft auch zu einer Verwischung zwischen normalem Erleben und Krankheit. Das kann dazu führen, dass Menschen sich stärker krank fühlen, als sie sind, oder dass sie den Blick für ihre Ressourcen verlieren.
Viele Selbstdiagnosen entstehen auf Basis unvollständiger Informationen. ChatGPT erklärt uns innerhalb von 2 Minuten, was wir haben könnten, wenn wir einige Symptome eingeben – die weiterführenden Fragen, die ein:e Ärzt:in stellen würde, fehlen aber. In Foren oder auf Social-Media-Plattformen werden Symptome häufig vereinfacht dargestellt. Jugendliche und junge Erwachsene beschreiben sich selbst oder gegenseitig mit Begriffen wie „traumatisiert“, „autistisch“ oder „depressiv“. Die Basis dafür kann schon ein Instagram-Post sein, der „5 Anzeichen, dass du traumatisiert bist“ lautet.
Die Bedürfnisse nach Verständnis und Orientierung im eigenen Erleben werden dann durch Zugehörigkeit zu einer Kategorie zu stillen versucht. Aber das Leid wird dadurch oft auch als unveränderlich angenommen, denn der Gedanke „ich habe das ja, also kann ich … nicht“ greift auch hier. Und diese Kategorie kann mit der Zeit alles definieren: „Ich bin ja traumatisiert, also muss ich auch Symptom XY haben.“ Das Leid wird so nicht gelindert, sondern breitet sich möglicherweise sogar auf weitere Lebensbereiche aus.
Ein ganzheitlicher Blick
In der Atemtherapie ist der Mensch stets grösser als seine Diagnose und wird über seine Symptome und Beschwerden hinaus betrachtet. Im Zentrum der Arbeit steht der Körper: Er ist ein lebendiger Teil des Selbst, der mit seiner Wahrnehmung und seinen Signalen zu jedem Zeitpunkt wertvolle Informationen liefert.
Wie drückt mein Körper Angst aus? Mit welcher (Körper-)Haltung begegne ich Druck? Wie atme ich, wenn es mir wirklich gut geht? Wenn wir diese Empfindungen bewusst wahrnehmen, entstehen oft überraschende Einsichten und Lösungswege, die reine Analyse nie ans Licht bringen würde. Der Körper spricht seine eigene Intelligenz aus – eine Intelligenz, die ernst zu nehmen sich lohnt.
So wird die Diagnose zu einem Kapitel in der persönlichen Geschichte, nicht zu deren Gesamtnarrativ. Der Mensch bleibt der Autor seiner eigenen Entwicklung.
Quellen / good to read:
- Jähner, Harald (2025): Psychische Krankheiten: Wie das Reden über die Psyche zum Problem wurde. DIE ZEIT Nr. 45/2025. zeit.de Sehr empfehlenswerter Artikel!
- Sims, R. (2021): Consequences of a Diagnostic Label: A Systematic Review. Frontiers in Psychology. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- Mickelberg, A. J. (2024): Helpful or harmful? The effect of a diagnostic label and its meaning for mental health conditions. Personality and Individual Differences. sciencedirect.com
- Altmann, B. et al. (2024): Effects of diagnostic labels on perceptions of marginal cases of mental ill-health. PLOS Mental Health. journals.plos.org
- Underhill, R. (2024): Self-Diagnosis of Mental Disorders: A Qualitative Study. Qualitative Health Research. journals.sagepub.com
